Die Konflikte nehmen zu. Und nun?

Die Konflikte nehmen zu. Und nun?

2020-05-20T08:19:02+00:00 QUERgedacht|

Krisen sind Zeiten großer Unsicherheit und Ängste, beides ein idealer Nährboden für Konflikte. Nun sagte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn für einen Politiker etwas sehr Ungewöhnliches: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“

Der Satz lässt hoffen. Worauf?

Die Bitte um Verzeihung für etwas, das entschieden, gesagt oder getan wurde, ist ein guter Anfang im Umgang mit Konflikten – so steht es in jedem Handbuch zur Konfliktbewältigung. Nun gehört die Praxis der Vergebung (mit der Bitte um Verzeihung sowie deren Annahme) in unserer Gesellschaft, in Politik, Wirtschaft usw. keineswegs zu unseren alltäglichen Umgangsweisen. Für die Konfliktforschung hat Gerhard Schwarz die verschiedenen Möglichkeiten des Umgangs mit Konflikten auf nur wenige Grundmuster in einem sechsstufigen Modell reduziert. Die Grundmuster lauten: 1 Flucht (unterste Stufe, am weitesten verbreitet), 2 Vernichtung, 3 Unterwerfung, 4 Delegation, 5 Kompromiss, 6 Konsens (oberste Stufe, eher selten). Im Laufe unserer Zivilisationsgeschichte hat allmählich eine Höherentwicklung stattgefunden, was jedoch nicht bedeutet, dass wir – als Menschheit – kollektiv auf den oberen Stufen angekommen sind. Ganz im Gegenteil. Gesellschaftlich haben wir uns zwischen Stufe 3 und 4 eingerichtet. Anstelle von Flucht und Vernichtung haben wir für den normalen gesellschaftlichen Umgang miteinander eine Ordnung etabliert, die auf einer klaren Hierarchie (Unterwerfung/Stufe 3) und Delegation (Stufe 4) im Falle von Konflikten basiert. Das war bislang das große Projekt der Zivilisation.

Im Krisenfall tendieren wir eher zu einem Rückfall in den Konfliktmustern. Konkret heißt das, es geht zurück auf Unterwerfung (Durchsetzung von Macht), Vernichtung und Flucht. Wie wäre es, wenn wir die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, und die Corona-Ausnahmesituation, in der wir so viele Übungsfelder haben, nutzen, um uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln, erwachsenere Formen der Auseinandersetzung erproben und nach Möglichkeiten konsensorientierter Konfliktbeilegung suchen (Stufen 5 und 6)?

Dazu braucht es Mut, Vertrauen, Verantwortung (für sich selbst sowie für die Belange Dritter) und einen Verstand, der sich als Schüler des Herzes begreift. Alles Ingredienzen für ein gutes Leben, wie ich finde – ob nun gerade Zeiten der Krise herrschen oder nicht.

Heike Egner, Ida Pfeiffer Professorin an der Universität Wien, Sozionautin und Vorstandsmitglied des Universitäts.club|Wissenschaftsverein Kärnten

30. April 2020

Hinterlassen Sie einen Kommentar