Die Umwertung der Werte in Krisenzeiten

Die Umwertung der Werte in Krisenzeiten

2020-04-28T09:17:34+00:00 QUERgedacht|

Friedrich Nietzsche sprach davon, dass es in Krisenzeiten zu einer Umwertung aller Werte kommt. Möglicherweise erleben wir hier heute einen solchen Prozess.

In unserer Phase des Kapitalismus zählt bzw. zählte die Ökonomie grundsätzlich mehr als  gesellschaftliche Strukturen, zum Beispiel für die Gesundheit. In der gegenwärtigen Situation scheint die Gesundheit plötzlich wichtiger zu sein als das Funktionieren der Ökonomie.

In unserer Phase des Kapitalismus wird behauptet, dass die Menschen immer egoistischer werden. Was wir erleben, ist eine Welle von Solidarität und Nachbarschaftshilfe.

Eine sehr große Veränderung erleben wir auch bei Betrachtung der liberalen Marktwirtschaft. Die meisten Ökonomen der Gegenwart vertreten die Auffassung, der Staat dürfe sich möglichst wenig in das Wirtschaftsgeschehen einmischen. Dieser Wert verkehrt sich heute ins Gegenteil. Ohne staatliche Hilfe können viele Unternehmen in Zeiten von Corona nicht überleben.

Die Coronaproblematik führt auch zu einer Götterdämmerung der politischen Autoritäten, wenn sie dann doch zugeben müssen, dass sie die Problematik falsch eingeschätzt haben.

Vieles geht hier sogar ins Detail: Bisher waren PKW mehr oder weniger in der Kritik. Man sollte auf Öffis umsteigen. Heute ist wegen der Ansteckungsgefahr das Auto wichtiger als die öffentlichen Verkehrsmittel (wird sich vermutlich wieder ändern).

Dem Handy sagte man nach, zur Vereinzelung ihrer Benutzer zu führen. Heute ist es das wichtigste Kommunikationsmittel für den sozialen Zusammenhang (wird das bleiben?).

Es dürften sich auch die Wertigkeiten zwischen Büro und Wohnung (Home Office) verschieben. Wird es nach der Krise eine Verstärkung der Qualität des Wohnens geben? In diesem Zusammenhang wird es wahrscheinlich zu einer Neubewertung der digitalen Kommunikation, zum Beispiel in Form von Videokonferenzen anstelle des Reisens, kommen.

Ganz deutlich ist die Verschiebung der Wertschätzung von Berufen. Waren bisher höhere Führungskräfte wie Aufsichtsräte, Direktoren, Professoren etc. im Ranking hoch oben, zeigt sich jetzt, dass Pflegepersonal, landwirtschaftliches Personal, Verkaufspersonal, Personal zur Sicherung der Wasser- und Elektrizitätsversorgung etc. deutlich an Prestige gewonnen haben.

Ganz deutlich wird die Neubewertung von Regionalität und Globalisierung. Was an lebenswichtigen Produkten muss in Zukunft im Inland erzeugt werden (Nahrungsmittel, medizinische Produkte etc.)? Interessant ist auch, dass der sonst so stark problematisierte Kostenfaktor Alterspension nun in eine Schutzhaltung für die Alten umgeschwenkt ist.

Dr. Gerhard Schwarz, Philosoph und Gruppendynamiker

19. April 2020

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