Verhältnismäßigkeit (oder: Mäßigung der Verhältnisse)

Verhältnismäßigkeit (oder: Mäßigung der Verhältnisse)

2020-05-20T08:13:55+00:00 QUERgedacht|

Nach dem ersten Schock und dem Einrichten in die Zumutungen durch die massiven Eingriffe in unsere Grundrechte, werden Fragen der „Verhältnismäßigkeit“ laut. Verhältnismäßigkeit fragt danach, ob etwas den „Verhältnissen gemäß“ getan oder entschieden wurde. In unübersichtlichen Zeiten, wie einer Krise, stellt sich die Frage nach den Verhältnissen und der Angemessenheit von Entscheidungen und Handlungen vielleicht stärker als im Allerlei der „Normalität“. Dabei wäre die Frage nach den Verhältnissen und eines ihnen angemessenen Handelns die Frage, die unser Handeln leiten sollte, wollten wir ein gutes Leben führen.

Mir scheint, die Verhältnismäßigkeit ist uns – bereits seit geraumer Zeit vor der Krise – aus dem Blick geraten. Anders lässt sich die Beschleunigung nahezu aller Lebensbereiche kaum erklären. Nun hat ein Unsichtbares (Virus) all dieser Übersteigerung und Übererregung, der Hetze und dem Funktionieren in selbstverstärkender Vertaktung unseres Lebens einen Stopp gesetzt, hat unsere Verhältnisse gleichsam so gemäßigt, dass weder Flucht (in Form von Reisen oder unbändigem Bewegungsdrang) noch Angriff (in Form von brachialem Konsum oder sozialer Überdosierung) als Ventil ausgelebt werden kann. Diese Zeit des verordneten Stillstandes öffnet – neben allem Elend – auch ein Fenster des Innehaltens, des Nachspürens oder Nachdenkens, zumindest eine Art Verlangsamung, die uns wieder mal einen Blick auf die Verhältnisse erlaubt. Wie wollen wir leben? Steckt in der aktuellen Mäßigung der Verhältnisse etwas, das wir mitnehmen wollen, mitnehmen in die Post-Corona-Zeit? Was Dich nicht glücklich macht, kann weg – so heißt es beim Entrümpeln.

Bei der Frage der Verhältnismäßigkeit braucht es einen Verstand, der sich als Schüler des Herzens versteht. Dann führt die Frage der Verhältnismäßigkeit ganz leicht und selbstverständlich zu einer Mäßigung der Verhältnisse. Das wiederum hilft uns, Gewohnheiten und Gewissheiten zu entrümpeln, und uns allen ein gutes Leben zu erlauben.

Heike Egner, Ida Pfeiffer Professorin an der Universität Wien, Sozionautin und Vorstandsmitglied des Universitäts.club|Wissenschaftsverein Kärnten

07. Mai 2020

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